Schon
voll
Ein Zen-Meister serviert seinen Schülern Tee.
Die Schüler kommen zu ihm, halten ihm ihre Tassen hin, der
Meister schenkt ein. Er füllt jede Tasse nur bis knapp über
die Mitte. Aber bei einem Schüler gießt er weiter.
Dieser Schüler sieht mit Erstaunen, wie die Tasse schon fast
bis zum Überlaufen gefüllt ist, doch der Meister gießt
weiter, der Tee fließt auf die Untertasse und schließlich
über die Untertasse auf den Boden, wo er eine kleine Pfütze
bildet.
"Halt, Meister", ruft der Schüler, "du verschüttest
den Tee."
Darauf der Meister: "Du bist die Tasse. Du bist längst
voll, und doch füllst du dich immer noch mehr."
Selber ändern
Als Hodja Nasrudin schon sehr alt war, erzählte
er folgendes :
"Als ich jung war, war ich begeistert von der göttlichen
Lehre und wollte die ganze Welt ändern. Jeder sollte sich
zu ihr bekehren.
Als ich älter wurde, erkannte ich, dass sich niemand geändert
hatte. Ich betete um die Kraft, wenigstens die Menschen in meiner
unmittelbaren Umgebung ändern zu können.
Nun bin ich alt und ich erkenne, dass ich auch das nicht geschafft
habe. Heute ist mein Gebet einfach: Herr Gott, gib, dass ich mich
selber noch ändern kann, bevor ich sterbe."
Trägst
du's noch immer?
Zwei Mönche überqueren auf ihrer Wanderung
einen Fluss. Am Ufer wartet eine schöne Jungfrau. Auch sie
will ans andere Ufer, aber sie wagt nicht, ins Wasser zu gehen.
Kurz entschlossen nimmt der eine Mönch sie auf seine Schultern
und trägt sie hinüber. Der andere Mönch ist wütend,
sagt aber nichts. Ständig bohrt in ihm die Frage: "Wie
konnte er das tun - als Mönch - eine Frau anrühren?
Und gar tragen! Kennt er nicht unsere Mönchsgebote?"
Tagelang bewegt er seinen Zorn in seinem Herzen. Am Grunde des
Zorns aber ist rasender Neid.
Schließlich erreichen die beiden ihr Ziel - das Kloster
ihres Meisters. Der eifersüchtige Mönch kann es kaum
erwarten, dem Meister zu berichten, dass der andere eine junge
Frau über den Fluss getragen hat.
Der Meister: "Er hat sie am anderen Ufer abgesetzt, du aber
trägst sie noch immer."
Wer hat die
blauen Augen?
Eine Frau beginnt eine Therapie. Sie kennt an sich nur die negativen
Seiten. Ihren Therapeuten findet sie großartig. Alle ihre
guten Seiten projiziert sie auf ihn. Sie bewundert ihn, betet
ihn an, liebt ihn insgeheim. Zum Zeichen ihrer Dankbarkeit schenkt
sie ihm eine wunderbare blaue Krawatte, weil " sie so gut
zu Ihren wunderbaren blauen Augen passt, die so voller Weisheit
sind."
Nun hatte der Therapeut aber braune Augen. Er nimmt einen Spiegel,
hält ihn ihr vor und fragt: "Wer hat denn nun die wunderbaren
blauen Augen, die voller Weisheit sind?" Natürlich war
sie es selbst.
(Ken Wilber)
Zeit für's
Leben
Hodja ruderte einen berühmten Philosophen über
einen See. Der Mann fragte ihn, ob er etwas von Philosophie verstünde.
Hodja: "Nein, dafür habe ich nie Zeit gehabt."
Darauf der Philosoph: "Ach, das tut mir leid für Sie.
Da fehlt Ihnen ja Ihr halbes Leben."
Nach einer Weile fragt Hodja den Philosophen: "Können
Sie schwimmen?"
Der Philosoph: "Nein, dafür hatte ich nie Zeit."
Hodja: "Dann wird Ihnen bald Ihr ganzes Leben fehlen. Der
Kahn hat ein Loch. Wir sinken."
Zwei Luftballons
Zwei Kinder spielen im Hof. Jedes hat einen Luftballon.
Das eine Kind verliert die Leine, der Luftballon steigt zum Himmel.
Das Kind weint kerzzerrreißend: "Der Luftballon ist
weg. Der Luftballon ist weg."
Nach einer Weile lässt auch das andere Kind im Spiel die
Schnur seines Luftballons los. Auch dieser Luftballon steigt zum
Himmel. Fröhlich tanzend klatscht das Kind in die Hände:
"Schau mal, wie schön er steigt! Er fliegt zur Sonne."
Schau auf deinen
Bauch
Ein Student wollte die Meditation erlernen, aber
er kam nicht recht voran. Er klagte seinem Meister: "Immer,
wenn ich meditieren will, erscheint mir eine Spinne. Sie stört
mich. Ich glaube, ich muss sie totschlagen."
Der Meister: "Ist es den immer dieselbe Spinne? Vielleicht
kommt jedes Mal eine andere?"
Darauf der Schüler: "ich weiß nicht."
Der Meister: "Lege dir einen feinen Farbstift oder Pinsel
neben deinen Meditationsplatz. Wenn die Spinne das nächste
Mal kommt, versuche, ihr einen Strich zu machen. Dann kannst du
erkennen, ob es jedes Mal dieselbe Spinne ist."
Der Schüler versprach, dies zu tun und ging. Als er das nächste
Mal zu seinem Meister kam, fragte ihn dieser: "Ist die Spinne
wiedergekommen?"
Der Schüler: "Ja."
Der Meister: "konntest du ihr einen Strich machen?"
Der Schüler: "Ja."
Der Meister: "welche Farbe hatte der Stift?"
Der Schüler: "Rot."
Darauf der Meister: "Schau auf deinen Bauch."
Da war dort der rote Strich.
(Tibetisch)