Gedanken zur Abstinenz

Gedanken am Morgen

Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass viele sich auf dem Weg zur Genesung befindenden Süchtige leider immer wieder in alte Lösungsmuster zurück fallen. 
Mein Eindruck ist, dass der/die Süchtige denkt: Jetzt habe ich aufgehört mit dem Trinken, jetzt muss mein Leben gut werden. Jetzt muss Zufriedenheit einkehren. 
Tritt eine schwierige Situation ein, wird nicht nach neuen Lösungen gesucht. Viele verfallen sofort in ihren alten Jammermodus und ich höre Sätze wie: "Mein Vater, meine Mutter, mein Ehepartner, meine Mitmenschen, meine Arbeitskollegen usw. verstehen mich nicht. Keiner weiß, wie ich fühle. Nichtsüchtige können uns Süchtige eh nicht verstehen."
Warum sollten sie auch. Ich muss mich verstehen lernen. Ich muss mir klar darüber werden, warum ich bin wie ich bin. Erst wenn ich dieses verstanden habe, kann ich Verständnis von anderen erwarten. Kann ich begreiflich machen was mit mir los ist und was ich benötige.
Anstatt nach Verständnis zu suchen und sich zu erklären, verfallen sie in Selbstmitleid, kaufen sich eine Flasche und denken, durch trinken würde ihr Problem gelöst. 
Auf Nachfrage, ob ihnen das Trinken Erleichterung verschaffte bekomme ich die Antwort: "Nein, dass Trinken hat meine Situation nur noch verschlimmert. Hat mein ursprüngliches Problem lediglich vergrößert."
Ich frage mich, warum diese alten Mechanismen immer wieder greifen? Warum nicht neue, in der Therapie erlernte Verhaltensweisen, wie z.B.: ich halte die Situation erst einmal aus, ich bemühe mich eine Klärung herbei zu führen, greifen.
Warum nicht die in der Therapie gereichten Werkzeuge zum Einsatz gebracht werden. Erst in dem ich einen Hammer nutze kann ich den Nagel in die Wand treiben. 
Ich habe für mich festgestellt, dass sich die Welt nach meiner Therapie nicht zum positiven verändert hat. 
Vieles, gerade in der politischen Landschaft, hat sich eher verschlimmert.
Verändert hat sich lediglich meine Einstellung zu den Dingen. Meine Einstellung gegenüber dem Leben ist Erwachsener geworden und ich habe den kindlichen Glauben hinter mir gelassen, dass das Leben immer schön sein müsse.
Viele Gefühle lassen sich nicht verändern. Ich hatte eine schlimme Kindheit, bestehend aus Gewalt und Lieblosigkeit. Ich spüre Schmerz, wenn ich an Ereignisse aus meiner Kindheit denke. Als ich ihnen das erste Mal nüchtern gegenüberstand war ich schmerzgeplagt und Tränen rannen mir die Wangen herab.
Aber, So what, ich kann die Vergangenheit nicht mehr verändern. Sie ist vergangen und entzieht sich meinem Zugriff. Verändern kann ich allerdings meine Einstellung zu dem Erlebten. Ich kann mich fragen, warum konnten mir meine Eltern, meine Lehrer und andere Vorbilder, nicht das geben was ich benötigte. Wo lagen ihre Defizite, was machte es ihnen unmöglich liebevoll zu sich und anderen zu sein. Ich stoße hier immer wieder auf das Gedankengut des Dritten Reichs. Erziehung hieß abhärten und das Kind nicht zu verzärteln. Unter diesen Erziehungsmodel wuchsen meine Eltern auf. Hinzu kam große finanzielle Not, durch die Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges. Wenn ich all diese Dinge berücksichtige, fällt es mir leichter meine Eltern zu verstehen. Es fällt mir leichter ihnen zu vergeben und mich mit meiner Vergangenheit auszusöhnen. 
Nochmals, meine Vergangenheit hat und wird sich nie verändern. Sie ist festgeschrieben. Es besteht lediglich die Möglichkeit meine Vorstellung von der Vergangenheit zu überprüfen. Mir jetzt selbst ein liebevoller Vater, eine lievevolle Mutter zu sein. 
Mir ist der Gedanke fremd, dass die Einnahme einer Droge mir Erleichterung verschaffen könnte. 
Weiß ich doch, dass die Droge dieses niemals tat. Der Konsum von Alkohol und anderen Drogen führte mich auf einer Abwärts Spirale immer tiefer herab. Am Ende meines süchtigen Weges fühlte ich mich völlig entmenschtlicht, was war daran noch schön.
Fällt es mir vielleicht deshalb so leicht nicht mehr konsumieren zu wollen? Nicht mehr konsumieren zu können.

von Klaus D. Wehmeier