| Angeregt durch meinen ehemaligen Therapeuten setze ich mich nun wieder
hin und versuche die 1 ½ Jahre seit meiner Therapie aufzuschreiben.
Es ist viel passiert, sehr viel und doch kommt es mir im Moment nicht
so vor. Vielleicht, weil es zur Selbstverständlichkeit geworden ist,
dass ich mein Leben wieder ganz gut im Griff habe.
Gegen diese Selbstverständlichkeit will ich nun angehen und mich
bewusst und intensiv mit mir selber auseinandersetzen.
Was dabei heraus kommt, weiß ich noch nicht. Doch eines weiß
ich und das ist sicher: "Ich bin seit 2 Jahren Trocken". Wahnsinn!
Vor Beginn meiner Therapie hätte ich nie gedacht, das einmal von
mir behaupten zu können. "Trocken". Ein wunderbares Wort,
kurz und bündig. Aber was dieses Wort für mich bedeutet, können
wohl nur selber Betroffene ermessen.
Die ersten Tage und Wochen
Auf der Heimfahrt gingen mir viele Dinge durch den Kopf. Es gab vieles
was ich erledigen wollte.
Am Wichtigsten war für mich, gleich vom Bahnhof aus, zu meinem Anwalt
zu gehen. Unter meiner Ehe musste ein Strich. Ein wirklicher Neuanfang.
Als ich aus dem Bahnhofsgebäude kam, fühlte ich mir unheimlich
stolz.
"Verden hier bin ich wieder und dieses Mal mache ich es besser."
Ich hatte eine Therapie gemacht. Ich war wieder wer.
Zum Anwalt und zur Suchtberatung bin ich hin, dann in den Bus gestiegen
und zu meiner kleinen Wohnung. Ich setzte mich erst einmal hin. So schlecht
schien mir die Wohnung gar nicht mehr. Es war meine Wohnung. Auspacken,
einkaufen, sauber machen.
Abends kam meine Schwägerin und sagte mir, dass meine Frau wieder
in Lüneburg wäre und die Kinder bei ihrer Schwester. Am nächsten
Tag sollten mir die Kinder gebracht werden. Ich war der Meinung, dass
es besser für die Kinder wäre, wenn ich sie in der Wohnung meiner
Frau betreue. Aber erst ab Mittag, da ich vorher ja noch zum Arbeitsamt
musste.
So ist es dann auch abgelaufen.
Ich zum Arbeitsamt, Anmeldung und von da zur Arbeitsvermittlung.
Und bei wem musste ich ein? Zu meinem speziellen Freund, mit dem ich 1995
einen Disput hatte wegen einer Haushaltshilfe und Sperre, weil ich auf
meine Kinder aufgepasst hatte, als meine Frau ins Krankenhaus musste.
Er war sehr freundlich und fragte auch gleich, was ich den für eine
"Kur" gemacht hätte. Als ich ihm erzählte, dass es
keine Kur sondern eine Therapie war wegen Alkohol, fragt er etwas überrascht:
"Ist das wirklich so ein Problem?". Er trinkt nach Feierabend
auch sein Bierchen. "So fing es bei mir auch an" sagte ich ihm.
"Aber jetzt sind Sie Trocken, das ist schön". Das war es.
Als ich in der Wohnung meiner Frau war, fieberte ich dem Eintreffen meiner
Kinder entgegen. Es war ganz komisch. Ich hatte sie anders in Erinnerung
und sie sind nicht auf mich losgestürmt, wie ich es erwartet hatte.
Sie waren eher abwartend. Sie musterten mich. Wie ist er wohl jetzt, werden
sie gedacht haben. Es war die nächsten drei Tage ganz gut, aber ich
war Vater und Aufpasser auf Zeit.
Am vierten Tag kam dann die Mama wieder und meinte ich solle noch einige
Tage bleiben, sie fühle sich noch nicht so gut.
Aber das wollte ich nicht. Sie hat dann eine Freundin angerufen und als
die kam, habe ich die Wohnung wieder verlassen.
Ich fühlte mich unwohl in der Gegenwart meiner Frau. Abgrenzen, das
war für mich wichtig. Nur das Allernötigste besprechen und dann
Tschüß, so wollte ich es haben. Nicht wieder einfangen lassen.
Die nächsten Tage verbrachte ich damit, meine Wohnung von Grund
auf zu putzen. Einige Bierdosen fanden sich auch noch an. Die musste ich
wohl so gut gebunkert haben, dass ich sie selber nicht mehr gefunden hatte.
Mir war wichtig, den Tag abwechslungsreich zu gestalten. Nur nicht wieder
in alte Langeweile verfallen. Ich ging viel spazieren an der Weser, fuhr
viel mit meinem Fahrrad in die Stadt, um Leute zu besuchen und schaute
öfter mal bei der "Ambulanten Hilfe" und der Suchtberatung
vorbei.
Ein- oder zweimal die Woche besuchte ich meine Kinder für eine Stunde.
Die Bude meiner Frau war meistens voll mit Leuten, die tranken und kifften.
Meine Kinder taten mir irgendwie leid, aber ich dachte, ich könne
darauf sowieso nicht viel Einfluss nehmen.
Des öfteren wurde ich von Bekannten und der Verwandtschaft angesprochen,
ich solle doch zum Jugendamt gehen und die Kinder zu mir holen.
Ich wiegelte ab und sagte: "Wenn ich das Jugendamt einschalte, sind
die Kinder weg. Ich bekomme sie nicht, weil ich Alkoholiker bin und auch
keine passende Wohnung habe."
Innerlich war ich hin- und hergerissen, bin dann aber doch nicht hin.
Mittlerweile hatte ich auch gelernt, in meine Richtung zu denken.
Welche Möglichkeiten und Freiheiten ich jetzt hatte. Zum ersten Mal
fühlte ich mich wieder richtig frei. Ich konnte meine Tage gestalten,
wie es mir passte. Aber allgegenwärtig war der Gedanke daran, dass
ich Alkoholiker bin und aufpassen muss. Überwogen hat aber die Freude
und die Begeisterung für das abstinente Leben. Es war ein Gefühl
des Glücks, nicht mehr trinken zu "müssen"!
Während der Therapie hatte ich mir vorgenommen, den Kontakt zu andern
aus der Gruppe nicht abbrechen zu lassen.
Ich hatte ja Zeit und deswegen schickte ich jede Woche mindestens einen
Brief an jemanden, der noch in der Therapie war oder schon zu Hause war.
Von der Therapie kamen meistens einige Tage später Anwortbriefe oder
Postkarten. Von den anderen die schon wieder zu Hause waren, haben manche
bis heute nicht geantwortet oder ich habe nach einigen Wochen nichts mehr
von ihnen gehört.
Die ersten Wochen hatte ich noch Einzelgespräche bei der Suchtberatung,
solange bis eine Nachsorgegruppe komplett war.
Bei einem dieser Einzelgespräche wurde mir nahelegt, zusätzlich
noch eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Etwa zur gleichen Zeit durften
meine Kinder mich regelmäßig am Wochenende besuchen und auch
übernachten. Das war aber kein Entgegenkommen meiner Frau sondern
vielmehr das Bedürfnis ihrerseits auch mal ausspannen zu können.
Leider benutzte sie diese Zeit, um noch mehr feiern und auf Achse gehen
zu können.
Wenn sie Sonntagnachmittag die Kinder abholte, sah sie meistens sehr kaputt
aus.
Ich versuchte meinen Kindern nur der Papa zu sein, der ich immer sein
wollte.
Wir gingen viel spazieren, viel auf den Spielplatz und so wie es meine
Geldbörse zuließ, kaufte ich ihnen Spielzeug, damit sie bei
mir auch Spielzeug hatten.
Die kleine Nicki, die ja während meiner Therapie geboren war, musste
sich erst an mich gewöhnen, aber sie war sehr pflegeleicht. Nur nachts
musste ich immer einmal hoch. Als die Kinder dann Sonntagnachmittag immer
abgeholt waren, machte ich meine Wohnung sauber und ging danach noch eine
Stunde spazieren.
Es war doch auf einmal eine Leere da. Von Freitag bis Sonntag keine ruhige
Minute und dann auf einmal Ruhe. Zuviel Ruhe!
Ich habe mich dann innerlich mit mir so geeinigt, unter der Woche etwas
für mich zu tun und am Wochenende ganz und gar für die Kinder
da zu sein.
Während der Therapie hatte ich mir auch vorgenommen, mich hinzusetzen
und mein Leben aufzuschreiben. Was ich mir vorgenommen hatte, wollte ich
auch durchziehen. Nicht wie früher etwas vornehmen und dann wird
doch nichts daraus.
Außerdem dachte ich, könnte es mir helfen, meine bewegte Vergangenheit
besser zu verarbeiten. Ich wollte zusätzlich zur Therapie noch mehr
für mich tun. Nicht wie viele andere, Therapie und dann Schluss.
Nein, ich wollte alles erdenkliche dafür tun, um Trocken zu bleiben.
Ich setzte mich also hin und fing an zu schreiben.
Mir viel es am Anfang schwer, die richtigen Worte zu finden. Wie lange
war das her, dass ich mich hingesetzt hatte und einen Aufsatz geschrieben
habe? Seit meiner Schulzeit nicht mehr.
Aber irgendwie ging es doch und dich schrieb und schrieb. Manchmal ganze
Nächte durch. Als es draußen dann hell wurde, setzte ich einen
Kaffee auf und habe das Geschriebene noch einmal überflogen.
Dann legte ich mich hin und versuchte zu schlafen. Aber das Aufschreiben
meines Lebens hatte in mir doch einiges an Gedanken und Gefühle aufgewirbelt.
Hauptsächlich negative. Irgendwo war mir sehr unwohl, das alles noch
mal durchzugehen. Andererseits wollte ich es doch auf das Papier schreiben,
dann wäre ich es los.
Ich glaube drei oder vier Wochen saß ich fast jeden Wochentag, außer
am Wochenende, über meinem Schreibblock. Einmal habe ich bewusst
zwei Tage Pause gemacht, um mich zu entspannen, wieder in die Gegenwart
zu kommen. Und auf einmal war ich fertig. Fast 120 Seiten DIN A4 hatte
ich vollgeschrieben. Ich war mächtig stolz, etwas besonderes getan
zu haben, für mich.
Die Sekretärin der Suchtberatung hatte sich vorher bereit erklärt,
es abzutippen bzw. auf Computer (Diskette) und dann auszudrucken. Als
ich Juni das fertige Werk in der Hand hielt, war es einfach geil. Das
hatte ich geschrieben. Mein Leben. Etwas besonders eben.
Ich schickte dann ein Exemplar an jemanden der Suchtberichte und Lebensgeschichten
sammelt. Zur Antwort bekam ich dann ein oder zwei Wochen später,
dass er sich sehr bedankt, aber für sein neustes Buchprojekt einfach
keinen Verleger findet. Ich war doch enttäuscht. Vorher hatte ich
mir schon ausgemalt, meine Geschichte mal in einem Buch lesen zu können.
Aber es sollte nicht sein. Ich verfolgte es auch nicht mehr weiter denn
die Ereignisse überstürzten sich auf einmal.
Meine Frau musste wieder nach Lüneburg und ich musste wieder meine
Kinder betreuen. Außerdem wollte sie zum 01.07.1997 in eine größere
Wohnung ziehen. Sie fragte mich, ob ich ihr beim Umziehen helfe, der Kinder
wegen. Ich erklärte mich zuerst bereit mitzuhelfen.
Als ich dies bei der Therapiegruppe erzählte, waren alle total überrascht
und konnten mich nicht verstehen. Am Ende dieses Gruppengesprächs
war ich dann von den anderen überzeugt worden, dass ich wieder einen
Fehler machen würde. Ich würde mich wieder einspannen lassen.
Die ganze Zeit bis dahin war ich auf Abgrenzung und Loslösung von
meiner Frau bedacht. Auf einmal helfe ich ihr und ihrem Freund beim Umzug.
Wahnsinn!
Nur gut, dass ich die Gruppe hatte, die mir das aufzeigte. Ohne die Gruppe
wäre ich wieder in eine Richtung marschiert wie früher. Ich
hätte wieder etwas getan, was ich eigentlich nicht wollte. Wieder
mal hatte ich gedacht, der Kinder wegen etwas tun zu müssen, was
gar nicht an dem ist.
Ein geistiger und gefühlsmäßiger Rückschritt.
Vorher passierte aber noch etwas wichtiges.
Ich ging zu einem Elternsprechtag meines Sohnes in die Schule. Der Lehrer
war sehr freundlich und freute sich, mich endlich mal persönlich
kennenzulernen. Er teilte mir mit, dass der mit Kollegen und Kolleginnen
gesprochen hätte und alle der Meinung wären, das Jugendamt müsste
eingeschaltet werden.
Das ganze Verhalten meines Sohnes und auch sein Aussehen würden darauf
hindeuten, dass er kein geordnetes Leben führt. Von schmutziger Kleidung
bis zu wenig schlaf.
Ich erzählte ihm dann, dass ich von meiner Frau getrennt lebe, dass
mein Sohn auch viel durchmachen musste bei der Trennung und davor.
Er meinte, ob ich nicht die Kindererziehung übernehmen könne.
Ich erzählte ihm, dass ich Alkoholiker bin, seit drei Jahren aus
der Therapie bin und nur eine kleine Wohnung außerhalb hätte.
Daraufhin sagte er: "Sie machen einen ganz anständigen Eindruck
auf mich und dass er mir das zutrauen würde."
Das Jugendamt müsste er auf den Fall einschalten. Es könnte
passieren, dass mein Sohn für ein halbes Jahr zu Pflegeeltern kommen
könne. Das wollte ich natürlich nicht. Ein paar Tage später
stand die Frau vom Jugendamt vor der Tür. Ich bat sie herein und
wir tranken Kaffee. Sie fragte mich, ob ich es mir zutrauen würde,
die Kinderbetreuung auch längerfristig zu übernehmen. Ich bejahte
dies. Sie meinte, dass es doch eine große Belastung für mich
wäre und solange sei ich ja auch noch nicht Trocken. Wenn ich Unterstützung
bräuchte, solle ich mich bei ihr melden.
Einerseits war ich sehr froh, dass ich die Kinder vor dem Heim bewahren
konnte, andererseits war es natürlich auch eine Belastung und Druck.
1995 hatte ich ja schon einmal meine Kinder betreut. Nur ich hatte zu
sehr an das Wohl meiner Kinder gedacht und mich selbst dabei nicht mehr
so wichtig genommen. Und als der Ärger mit dem Arbeitsamt und der
AOK dazu kam, hatte ich mir dann wieder einen gesoffen.
Das wollte ich auf keinen Fall mehr. Mit der Frau vom Jugendamt war ich
dann auch so verblieben, dass ich eine Woche später bei ihr vorbeikommen
sollte. Irgendwo war es nichts halbes und nichts ganzes.
Ich betreute zwar meine Kinder, aber wie sollte es weitergehen, wenn
meine Frau wieder aus dem Krankenhaus kam?
Am Wochenende des Umzuges habe ich mir kann meine Kinder geschnappt und
bin in meine Wohnung.
Als ich Sonntagabend dann bei der neuen Wohnung meiner Frau ankam, fand
ich noch ein ziemliches Chaos vor. Der Freund meiner Frau meinte, ich
solle noch ein paar Tage in meiner Wohnung bleiben, bis er uns sein Schwager
alles fertig hätten.
Das wollte ich nicht.
Mein Sohn musste zur Schule, meine Tochter in den Kindergarten und ich
wollte einfach nicht mehr der Spielball sein und mich hin- und herschieben
lassen.
Den Kindern machte ich Abendbrot und brachte sie zu Bett. Dann begann
ich aufzuräumen. Alles war noch in Säcke verpackt. Kleidung
für den nächsten Tag, Vorhänge, Gardinen, Handtücher,
Lampen. Als erstes brachte ich überall die Lampen an, so dass sich
Abends noch weiter aufräumen und sortieren konnte. Vorher aber brachte
ich die leeren und auch vollen Biere und Schnapsflaschen in den Müll.
Die ganze Wohnung miefte irgendwie nach Alkohol.
Am nächsten Tag brachte dann der Freund meiner Frau noch einige Sachen
und ich merkte, wie unwohl er sich fühlte. Er war schließlich
mit meiner "Noch-Frau" zusammen. Ihn kannte ich von früher
von einer Entgiftung. Ich machte ihm dann klar, dass ich es mir hier so
gut wie möglich einrichten wollte, bis meine Frau aus dem Krankenhaus
kam. Er verzog sich dann und ich und meine Kinder waren alleine in der
Wohnung. So wollte ich es auch haben.
Ein oder zwei Tage später stand meine Frau wieder in der Tür.
Ich erzählte ihr von dem Gespräch mit dem Lehrer und der Frau
vom Jugendamt. Ihre Reaktion war klassisch. "Ich lasse mir meine
Kinder nicht wegnehmen", sagte sie energisch. "Dann sage das
der Frau vom Jugendamt", meinte ich und packte wieder meine Tasche,
um in meine Wohnung zu fahren.
Ich also wieder in meiner Wohnung. Wie geht das bloß weiter, dachte
ich. Am nächsten Morgen bin ich dann gleich zum Jugendamt und schilderte
die Sachlage. Bei dem Gespräch stellte sich heraus, dass die erst
einmal abwarten wollten, wie es jetzt mit meiner Frau weitergeht. Gegebenenfalls
wollten sie meiner Frau eine Betreuerin zur Seite stellen. Das war es.
Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Ich wahr wohl wieder mal nur der
Notnagel, dachte ich, aber ich war in der Not für meine Kinder dagewesen
und das konnte ich nur, weil ich trocken war.
Auch meine Therapie habe ich noch rechtzeitig gemacht, dachte ich. Diese
Gedanken konnte ich bei meinen Gruppen- und Einzelgesprächen äußern
und loswerden. Das tut gut. Ich war nicht mehr alleine. Früher hätte
ich mich verkrochen und gemeint, damit müsse ich alleine fertig werden.
Kaum vier Tage zu Hause, ließ sich meine Frau wieder nach Lüneburg
einweisen. Sie hatte mit ihrem Freund Schluss gemacht und es gab wohl
mächtig Zoff. Für sie war es wohl eine Flucht.
Ich also wieder zu meinen Kindern.
Einige Tage später kam die Frau vom Jugendamt wieder vorbei. Sie
meinte, mit meiner Frau als Erzieherin hätte es wohl keinen Sinn
mehr und sich solle mir Gedanken machen, ob ich die Kinder nicht ganz
zu mir nehmen wolle. "In meiner kleinen Wohnung und dazu noch außerhalb,
das geht nicht", meinte ich. Dann sollte ich mir doch eine größere
Wohnung besorgen, war ihre Antwort.
Heute kann ich sagen, es war wohl die Angst vor so einer krassen Veränderung
meines Lebens.
Ich wollte meine Kinder in der gewohnten Umgebung lassen. Schule und Kindergarten
erhalten. Meine Kinder nicht aus ihrem sozialen Umfeld reißen. Sie
hatten ja hier ihre Freunde und Spielkameraden und noch einen Umzug, das
wollte ich nicht.
Die einfachste Lösung erschien mir, das ich mit den Kindern in der
Wohnung meiner Frau bleibe und sie in meine kleine Wohnung außerhalb.
Einerseits erschien es mir zwar ziemlich abgewichst, mich in der Wohnung
breit zu machen, andererseits wäre es für die Kinder wohl am
Besten. Und um die Kinder ging es ja schließlich.
Nach mehreren Gesprächen am Telefon mit meiner Frau, einigten wir
uns darauf, dass sie erst einmal im Krankenhaus bleiben würde und
versuchte eine Therapie zu bekommen. Anderenfalls würde sie vorübergehend
in meine Wohnung gehen, bis sie wieder ganz auf dem Damm ist.
Ich machte ihr auch ganz unmißverständlich klar, "Wenn
Du die Wohnung betrittst, bin ich wieder weg." Ihr blieb also fast
nichts anderes übrig, als einzulenken.
Dem Arbeitsamt hatte ich inzwischen mitgeteilt, dass ich unter einer
anderen Adresse erreichbar wäre. Ich wollte nicht jeden zweiten Tag
zehn Kilometer in meine Wohnung fahren, um nach Post zu sehen. Ich bekam
einen Vordruck zugeschickt, seit wann ich umgezogen sei, ob ich dem Arbeitsamt
überhaupt noch zur Verfügung stehe uns so weiter. Jetzt geht
das wieder los, dachte ich. Ich teilte dem Arbeitsamte mit, dass ich weiterhin
meinen Wohnsitz außerhalb hätte, ich nur hier wäre, um
bei meinen Kindern zu sein und auch hier erreichbar wäre.
Und prompt bekam ich wieder eine Sperre. Das gleiche Spiel wie 1995.
"Aber dieses Mal nicht" war meine Reaktion. Mit mir nicht mehr.
Was für Möglichkeiten hatte ich dieses Mal?
Das Wichtigste war, ich hatte Leute, mit denen ich darüber reden
konnte.
Ich bin zum Jugendamt und habe dann mit der Frau gesprochen. Sie rief
in meinem Beisein beim Arbeitsamt an. Erst einmal ohne Erfolg. Dann meinte
sie, ich müsste auch langsam wissen, was ich wollte.
"Klick" hat es dann bei mir gemacht. Am Abend vorher war ich
bei "meiner" Selbsthilfegruppe und wir hatten darüber geredet.
Eine Frau fragte mich dabei, was ich mir denn wünschen würde,
wenn ich drei Wünsche frei hätte. Ganz klar! Weg vom Arbeitsamt,
hin zum Sozi, nur noch für meine Kinder da sein können und die
Wohnungsfrage müsste gelöst sein.
Der Frau vom Jugendamt sagte ich dann: "Wenn ich drei Wünsche
frei hätte, wüßte ich schon was ich wollte".
"Sie haben drei Wünsche frei", sagte die Frau vom Jugendamt
und lächelte dabei. Und ich erzählte ihr genau das Gleiche,
wie den Leuten von meiner Selbsthilfegruppe. "Dann machen Sie das",
sagte sie und klopfte auf den Tisch. "Meine Unterstützung haben
Sie. Sollte es Probleme geben, ich regele das für Sie".
Auf einmal schien alles so klar. Und ich hatte ein klares Ziel, welches
ich anstreben konnte.
Heute weiß ich, es war wieder mal Angst. Angst davor, Wünsche
zu äußern und Angst davor, dass ich zur Antwort bekommen könnte,
"Das geht nicht".
Nun hatte ich viel zu tun. Ich hatte den 01. September als Stichtag auserkoren,
an dem alles geändert sein sollte. Ab 01 September Geld vom Sozialamt.
Ab 01. September weg vom Arbeitsamt. Ab 01. September sollte Kindergeld
und Erziehungsgeld auf mich laufen.
Ich hatte eine Woche bis zum 01. September. Jeden Tag zu einer Behörde
oder einem Amt. Den einen Bescheid gab es nicht ohne ein anders Schreiben
von einer anderen Behörde.
Früher hätte ich vielleicht aufgegeben und mir einen getrunken.
Soviel Bürokratie. Aber dieses mal sagte ich mir "Und wenn ich
vier Wochen lang hin und hergeschickt werde, irgendwann bin ich damit
durch. Nur eine Frage der Zeit. Dann habe ich des so, wie ich es für
richtig erachte".
Es waren nicht nur die Behörden und Ämter. Schule und Kindergarten
hatten wieder begonnen. Frühstück und Mittagessen mussten pünktlich
fertig sein. Meine älteste Tochter musste ich zum Kindergarten bringen
und wieder abholen. Und da war ja auch noch meine ganz kleine Tochter.
Sie war gerade erst einmal 10 Monate alt. Überall musste ich sie
ja mitnehmen. Aber sie war uns ist auch heute noch sehr "pflegeleicht".
Der Haushalt musste auch gemacht werden. Aber ich hab es gemacht.
Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich das hinkriege. Und ich hab es
hingekriegt. Nach einigen Wochen hatte ich alles auf der Reihe.
Das Sozialamt zahlte mir die große Wohnung in der Stadt. Meiner
Frau die kleine Wohnung außerhalb.
Mitte September war mein erstes Ehemaligentreffen.
Mit dem Zug fuhr ich mit noch einem aus meiner Nachsorgegruppe dorthin.
Ich war sehr aufgeregt. Wen würde ich dort treffen aus meiner Gruppe?
Wie viele und wer waren wohl rückfällig geworden? Ein Exemplar
meines Lebensberichtes hatte ich für meinen Therapeuten mitgenommen.
Nach der Anmeldung habe ich ihm gleich erblickt und bin auf ihn zu. Nach
der Begrüßung bat er mich gleich in sein Büro. Seine Worte
habe ich noch in Erinnerung: "Es freut mich sehr, Sie so gesunde
wiederzusehen."
Diese Worte kamen so ehrlich, so aufrichtig rüber, mir wurde irgendwie
anders. Dieser Augenblick geht mir noch heute durch den Kopf. Dieser Mann
hat einen ganz besonderen Stellenwert in meinem Leben eingenommen. Ich
überreichte ihm gleich "mein Lebenswerk" und er überflog
es. Meine private Situation schilderte ich ihm auch. Dann klopfte es an
der Tür. Der nächste Ehemalige der ein paar Worte mit "seinem
Therapeuten" wechseln wollte. Ich ging dann nach draußen und
suchte bekannte Gesichter. Einige kannte ich nur oberflächlich, sie
waren zwar zur selben Zeit wie ich zur Therapie, aber in anderen Gruppen.
Aus meiner Gruppe waren es gleiche ich nur drei außer mir, die den
Weg in den "Erlengrund" fanden.
Wir unterhielten uns sehr angeregt und es stellte sich heraus, dass mehrere
rückfällig geowrden waren und erst gar nicht mehr zum Ehemaligentreffen
gekommen sind. Nachmittags war dann ein Gruppengespräch mit anderen
Ehemaligen. Jeder stelle sich vor uns sagte wann er zur Therapie war,
ob er rückfällig geworden war oder nicht und was er nun so macht.
Bei dieser Vorstellungsrunde kam wieder diese Ehrlichkeit und Offenheit
zu Tage, die ich noch nie vor meiner Therapie erlebt hatte. Ein besonderes
Erlebnis.
Als ich mit meinem Vorstellen fertig war, habe ich auf bitten meines Therapeuten
Ausschnitte aus meinem Lebensbericht vorgelesen. Ich war ziemlich verlegen.
Aber als ich fertig war, haben alle geklatscht. Das tat gut. Ein Gefühl
der Bestätigung ging in mir durch und durch. Alkoholiker dies schon
jahrelang, viel länger als ich Trocken waren, fanden das, was ich
geschrieben hatte, gut.
Das Motto des Ehemaligentreffens lautete: "Wachsen wie ein Baum".
Nach den Gruppengesprächen wurde vor der Klinik ein kleiner Baum
gepflanzt. Mit Ansprache, Musik und geistlichem Beistand. Wie dieser kleine
Baum wollte ich wachsen. "In einem Jahr möchte ich hier wieder
stehen", sagte ich zu mir selber. Weiterhin Trocken und an Erlebnissen
des kommenden Jahres wachsen. Dieses Ziel habe ich mir selbst gesteckt.
Ein Nah-Fern-Ziel. Ein Jahr kann lange sein und es kann viel passieren.
Darum habe ich auch gleich wieder umgeschaltet auf Gegenwartsbewältigung.
Nur wenn ich mit der Gegenwart klar komme, kann ich dieses Ziel erreichen.
Einen Schritt nach dem anderen.
Als ich wieder zu Hause ankam, schliefen meine Kinder schon. Eine Bekannte
hatte diesen Tag auf meine Kinder aufgepasst. Diese Bekannte betreute
auch meistens meine Kinder, wenn ich zu meinen Gruppen ging oder Einzelgespräche
hatte. Dieser Tag hatte mir sehr viel gebracht. Ich hatte ein Ziel erreicht
und mir ein neues für das kommende Jahr gesteckt. Aber nun hieß
es für mich, in meiner kleinen Welt klar zu kommen.
Die Wohnungsfrage war noch nicht geklärt. Irgendwie wollte oder
konnte ich mich nicht entscheiden, meiner Frau das Messer auf die Brust
zu setzen und zu sagen: "Im Interesse der Kinder nimm Du meine Wohnung
und ich Deine". Sie pendelte viel zwischen meiner kleinen Wohnung
und Krankenhaus hin und her. Eine Therapie war abgelehnt worden. Sie wollte
die Therapie dazu benutzen, die Kinder wieder zu bekommen und das sagte
sie auch ganz offen den Leiten im Krankenhaus. Anfang Oktober besuchte
mir die Frau vom Jugendamt wieder. Und wieder half sie mir. Sie wüsste,
wo ganz in der Nähe mehrere Wohnungen frei wären und sie könne
mir zum 15. Oktober oder 01. November eine besorgen, meinte sie. Ich solle
noch einmal mit meiner Frau sprechen, dass ich eine 4-Zimmer-Wohnung in
Aussicht habe, nur ihr würde das überhaupt nichts bringen allein
in einer 4-Zimmer-Wohnung zu sitzen. Das Sozialamt würde für
sie die Miete allein nicht übernehmen. Entweder würde sie sofort
schriftlich zustimmen, dass ich ihre Wohnung als Hauptmieter übernehme,
oder ich würde ausziehen mit den Kindern und sie hätte eine
Wohnung, die sie nicht bezahlen könnte. Sie stimmte schließlich
zu und ab 01. November war ich Hauptmieter ihrer Wohnung und hatte meine
kleine Wohnung außerhalb. Nebenbei lief über unsere Anwälte
ein reger Schriftverkehr wegen des Sorgerechts für die Kinder. Wieder
vermittelte die Frau vom Jugendamt. Am Ende einigten wir uns darauf, dass
ich das "Aufenthaltsbestimmungsrecht" bekomme, das Sorgerecht
behielten wir beide. Meiner Frau aber, war es auf dem Dorf zu abgelegen.
Alleine konnte oder wollte sie nicht sein uns so quartierte sie sich kurzerhand
bei einer ihrer Schwestern ein. "Diese Wohnung behalte ich nicht.
Ich wollte ja nie da hin. Du und das Jugendamt habt mich dazu gezwungen".
"Kein Problem", sagte ich. "Über die Ambulante Hilfe
finde ich sofort einen Nachmieter". Das stellte sich als Irrtum heraus.
Es lief dann letzten Endes so: Zum 15. Dezember bezog meine Frau eine
2-Zimmer-Wohnung hier in der Stadt. Meine Wohnung musste ich noch volle
drei Monate weiter bezahlten. Eine Monatsmiete habe ich überwiesen,
die anderen zwei Mieten wurden mit meiner Mietkaution abgedeckt. So hatte
ich mich mit meinem Vermieter geeinigt. Es war zwar finanziell schmerzlich,
aber es war wenigstens ein Ende der Unklarheiten in Sicht. Ich wollte
endlich klare Verhältnisse.
Da war dann noch ein Problem. Das Sozialamt wollte die Mietkaution meiner
Frau nicht übernehmen. Ich machte wieder Abstriche und einigte mich
so mit meiner Noch-Ehefrau:
Sie belässt ihre Mietkaution für die Wohnung, in der ich jetzt
mit meinen Kindern lebte, ich übernehme ihre Mietkaution für
die neue Wohnung und gebe ich jeden Monat 50,00 DM bis wir quitt sind.
So hatte dann jeder was er wollte. Und die Verhältnisse wurden immer
klarer.
Ende November hatte ich meine erste Woche ohne Selbsthilfegruppe oder
Einzelgespräche. Meine Bekannte war kranke und ein anderer Bekannter,
der sonst einsprang, wenn ich zur Gruppe wollte, war nicht erreichbar.
Einzelgespräch hatte ich das letzte am 03. November. Damit war die
ambulante Nachsorge abgeschlossen.
Erst einmal hatte ich genug um die Ohren. Das Sozialamt wollte meiner
Frau keine Möbel für ihre Wohnung stellen. Das musste dann so
laufen: Meine Frau nahm ihre Möbel, die sie benötigte aus meiner
jetzigen Wohnung, also ihrer ehemaligen und ich konnte für mich und
meine Kinder neue beantragen. Umständlicher geht es nimmer. Aber
so ist die bürokratische Vorgehensweise. Also hatte ich neben Haushalt
und Kindern auch noch damit zu tun, meine Wohnung einzurichten und Schränke
aufzubauen. Neue Gardinen, Lampen, Kühlschrank, Herd und Waschmaschine
musste ich besorgen.
Es sollte endlich ein Ende sein mit diesem hin und her. Klare Verhältnisse.
Darauf arbeitete ich hin und die Zeit arbeitete für mich. Mit jedem
neu angeschafften Gegenstand ging es mehr und mehr in Richtung Selbständigkeit.
Die Möbel waren verteilt. Ihres war ihres und meines war meines.
Jetzt fehlte nur noch die Scheidung, dachte ich zumindest. Am 15. Dezember
holte meine Frau mit "ihren Leuten" die Möbel aus meiner
Wohnung, die abgesprochen waren. Die Leute, die ihr halfen waren entweder
besoffen oder bis obenhin zugekifft. Ich war froh, als es vorbei war.
Nur mir war auch klar, dass diese Leute sich in der Wohnung meiner Frau
breit machen würden. Meine Frau kiffte selber mit und trank auch
wieder. Eine gewisse Zeit lang fand sie solche Leute in ihrer Umgebung
toll. Mir war auch klar, dass sie irgendwann diese Leute wieder versuchen
würde loszuwerden. Aber "Die Geister die ich rief", sagte
schon Goethe. Da war noch ein Problem. Meine beiden großen Kinder
wollten auch mal die Mama besuchen und auch bei ihr schlagen. Ich redete
mit ihr und sie versprach mir, wenn sie die Kinder bei sich hat, keine
Partys zu feiern, selber keinen Alkohol zu trinken und auch nicht zu kiffen.
Es war kurz vor Weihnachten und für mich war es hilfreich meine beiden
großen mal nicht um mich zu haben, um Weihnachtseinkäufe zu
tätigen. Ich tauchte dann des öfteren bei ihr unangemeldet auf.
Ich wollte ja auch wissen, ob sie sich an unsere Abmachung hielt. Es ging
gerade so. Es saßen zwar zwei oder drei Leute bei ihr, denen man
ansehen konnte, dass sie was mit Drogen oder zumindest mit Alkohol und
weichen Drogen zu tun hatten, aber die Kinder fanden es ganz toll da.
Auf den ersten Blick konnte ich auch keinen Alkohol oder Hasch entdecken.
Aber da fing es schon an, in mir zu arbeiten. "Ist es richtig die
Kinder da hin zu lassen", fragte ich mich. Genau diesen Umgang wollte
ich ihnen ja ersparen. Es war also ein innerliches Hin und Her. Zufrieden
war ich mit diesem Umstand nicht. Als meine Kinder dann wieder bei mir
waren, erzählten sie, dass Mama nur ein paar Bier getrunken hätte
und die anderen Leute ganz nett seien. Ich versuchte meiner Frau noch
einmal ins Gewissen zu reden, aber ohne Erfolg. Und ich fing an, mich
selber zu täuschen. "Na ja, wenn die Kinder gerne hin wollen",
oder "solange sich das in Grenzen hält" versuchte ich mich
selber zu beruhigen. Für mich war es einerseits eine Erleichterung,
am Wochenende nur noch meine kleine zu haben. Andererseits fühlte
ich mich nicht wohl dabei, wenn ich daran dachte, mit welchen Leuten meine
Kinder dort Kontakt hatten.
Weihnachten wurde bei mir gefeiert. Sylvester wollten die beiden Großen
bei der Mama feiern. Das erste Weihnachten, das ich für meine Kinder
alleine ausrichtete. Die Großen fanden es ganz toll. Vor allem natürlich
die Geschenke. Meine ganz Kleine wusste wohl noch nicht so recht, was
los war. Überall bunte Lichter, ein Baum im Wohnzimmer. Auf jeden
Fall machte sie ganz große Augen. Sie war mittlerweile ja schon
14 Monate alt und machte Anstalten, dass sie laufen wollte. Einige Schritte
gingen gut, aber weit kam sie noch nicht. Aber krabbeln konnte sie wie
ein Weltmeister. Meine Großen wollten auch zwischen Weihnachten
und Neujahr öfter zu ihrer Mutter. "Aber nur tagsüber.
Ich weiß ja nicht, was da nachts abgeht", sagte ich und versuchte
für mich einen Kompromiss zu finden. Als ihre Mutter sie die nächsten
Tage um 18.00 Uhr wieder zu mir brachte, erzählten meine Kinder:
"Mama hat einen neuen Freund. Der ist total cool und locker drauf".
Ich konnte mir anhand der Erzählungen meiner Kinder, ein Bild davon
machen, wie cool und wie locker er wohl war. Auf jeden Fall kein Umgang
für meine Kinder und auch nicht gut für meine Frau. Mit solchen
Typen war sie in der Vergangenheit immer wieder auf die Schnauze gefallen.
Aber den wollte ich mir anschauen. Drei Tag nach Weihnachten bin ich dann
einfach mal mit meiner Kleinen bei ihr vorbei. Meine beiden Großen
waren bei der Nachbarin von ihr, eine gemeinsame Bekannte, die alleinerziehende
Mutter eines drei Jahren altes Sohnes ist. Ich klingelte an der Tür
meiner Frau. Es war erst nichts zu hören, dann doch, Stimmen. Es
war nachmittags gegen 14.00 Uhr. Sie waren wohl gerade mit etwas sehr
Wichtigem beschäftigt. Sie kam auf jeden Fall halb nackt an die Tür.
Als ich eintrat, zog er sich gerade seine Hose an und drehte sich dann
einen Joint. Ich tranken einen Kaffee und schaute mich um. Viel sauber
gemacht schien sie in dieser Wohnung noch nicht. Danach schaute ich noch
bei ihrer Nachbarin rein. Wir unterhielten uns und sie erzählte mir,
dass es nachts wohl ziemlich laut wäre bei meiner Frau. Die Nachbarn
wollten sich bei der Hausverwaltung beschweren. Sie wollte ein Auge auf
meine Kinder haben und mich auf dem Laufenden halten. Damit beruhigte
ich mein Gewissen. Abendes redete ich dann mit meinen Kindern und sagte
ihnen, dass ich es nicht gut fände, wenn sie bei Mama wären,
solange diese Leute dort ein- und ausgingen. Aber sie wollten am nächsten
Tag wieder hin. Abends kamen sie dann immer an mit schönen grüßen
von Mamas Freund. Ich wäre ein Arschloch. Ich würde irgendwann
eine auf die Fresse kriegen und so weiter. Meinen Kindern sagte ich dann,
sie sollen das nicht so ernst nehmen, der wäre sowieso die meiste
Zeit breit.
Anstatt zu sagen "das war es". Meine Kinder kommen erst einmal
nicht mehr da hin, ließ ich sie noch Sylvester da feiern. Ich war
total inkonsequent. Wie früher. Einige Tage später bekam ich
nachmittags einen Anruf. "So mein Freund, hör mir mal gut zu",
sagte eine Säuferstimme am anderen Ende der Leitung. "Wenn Du
nicht aufhörst, solche Scheiße über mich zu erzählen,
können wir uns in der Stadt treffen und ich schneide Dir mit meinem
Messer Deine komischen Ohren ab". Puh, das war starker Tobak!
Ich war total verunsichert. Im Hintergrund hörte ich noch andere
Stimmen. Die waren wohl gerade dabei, sich gegenseitig aufzugeilen. "Dann
hör Du mal zu", sagte ich. "Das was ich über Dich
sagte, ist meine Meinung. Du bis ein Säufer, Du bist drogenabhängig
und kein Umgang für meine Kinder! Und wenn Du was willst, dann komm
doch her. Du weißt doch wo ich wohne." Erst war es ganz still.
Dann "Du hast doch früher selber gesoffen wie ein Loch",
sagte er mit wütender Stimme. "Ja, nur der Unterschiede ist,
ich habe gesoffen und Du säufst immer noch." Er schrie noch
irgendetwas von "Sozialschmarotzer" und "Ich komme gleich
vorbei" durchs Telefon. Dann wurde aufgelegt. Ich merkte, wie es
in mir kochte.
Meine Schwägerin war an diesem Nachmittag auf eine Tasse Tee vorbeigekommen
und sie fragte mich sofort "Was ist denn jetzt los?". Ich erzählte
es ich. Sie war auch der Manung, dass ich den mal labern lassen sollte,
aber sie nur noch ihre Rasse ausgetrunken und ist weg. Vom Kopf her war
es für mich typisch jemand, der die Wahrheit nicht vertragen konnte.
Ich hatte auch vom Kopf her richtig reagiert. Ihm gleich Paroli geboten.
Vom Gefühl her, war mir doch etwas mulmig. Was ist, wenn der doch
hier auftaucht? Andererseits, mit solchen Sprücheklopfern war ich
schon zu meinen Knastzeiten gut fertig geworden. Dann grabe ich aben meine
andere Seite wieder aus, dachte ich. Meine Kleine machte ihren Nachmittagsschlaf
und ich wartete regelrecht darauf, dass er vorbeikommen würde. Einen
großen Schraubenzieher hatte ich mir schon zurecht gelegt. Innerlich
habe ich mich so aufgeregt, dass ich kurz vor dem Explodieren war. Aber
er kam natürlich nicht. Ich wusste nur eins. Dieses Gefühl des
Angedrehtseins, dieses Hassgefühl, das war nicht gut für mich.
Früher wäre ich erst mal los und hätte mir einige Biere
einverleibt, um mich wieder "runter zu fahren" und wusste: "
Ich muss mit meiner Selbsthilfegruppe darüber reden." Am nächsten
Tag war Gruppe. Einige Wochen war ich nicht mehr da gewesen.
Als ich an der Reihe war, habe ich meinen Gefühlen und Gedanken freien
Lauf gelassen. Hier konnte ich das ja. Als ich fertig war, Schweigen.
Endlos lange Stille. Kein Wort, kein Husten gar nichts. Aber ich war es
los, es war raus. Schließlich fing einer an. "Soviel Aggression
und Gewaltbereitschaft, die von Dir ausgeht, macht mir Angst. Angst um
Dich." Und so ging es weiter. Den anderen war klar, dass ich kurz
vor dem Explodieren stand. Uns es kamen Fragen. Gute Fragen. Wiese ich
auf so eine Gerede so energisch reagiere? Wem wäre damit gedient,
wenn ich mir den schnappen würde? Es kamen Fragen, die ich mir selbst
nicht mehr stellen konnte. Ich war gefühlsmäßig so abgefahren,
dass der Verstand nicht mehr viel zu melden hatte. Ich müsse die
Gefühle erst mal wieder runter kriegen, kam es aus einer Ecke. Aber
wie?
Ich war früher ganz gut damit gefahren, an meine Gewichte zu gehen
und mich auszupowern, dachte ich und sagte ich. "Dann mach es doch"
meinte jemand. Ich glaube an diesem Abend hatte mich der Besuch der Selbsthilfegruppe
"davor bewahrt", über kurz oder lang einen Rückfall
zu bauen und ich habe einige Fragen mit nach Hause genommen, die ich mir
selber in den nächsten beantworten konnte. Es war eine ganz andere
Sichtweise. Ich hatte mich voll auf den Typen eingeschossen. Aber im Endeffekt
war er mein auserwähltes Opfer, auf de ich meine Wut projizieren
konnte.
Die Wut über mich selber. Wieso hatte ich meine Kinder dort hin gelassen,
obwohl ich davon überzeugt war, dass es nicht gut für sie ist?
Wieso habe ich nicht schon längst "Stop" gesagt und meine
Kinder dorthin nicht mehr gelassen? Diese ganze Situation wäre so
gar nicht entstanden, wenn ich von vornherein gesagt hätte, "Nur
Du und die Kinder". Und wenn ich auch konsequent danach gehandelt
hätte. Das eigentliche Problem lag bei mir. Und wenn das so ist,
dachte ich mir, dann kann ich dieses Problem auch lösen. Es war auf
einmal wieder ganz klar. Die Lösung lag wieder bei mir. Gleich am
nächsten Tag rief ich meine Frau an und sagte ihr, dass sie sich
den Weg hierher sparen könne. Die Kinder kriege sie nicht mehr, solange
bei ihr solche Zustände herrschten.
Von ihrer Seite gab es auch nicht viel Gegenwehr. Sie merkte wohl, dass
ihr Lebenswandel für die Kinder nicht gut war.
Am 21. oder 22. Januar war der Scheidungstermin. Eine Bekannte passte
auf meine Kleine auf und ich konnte beruhigt zum Gericht fahren. Es war
eigentlich nur noch Formsache, da wir uns schon vorher geeinigt hatten.
Meine Noch-Ehefrau willigte in die Scheidung ein und so wurde aus meiner
Noch-Ehefrau, meine Ex-Frau. Ich hatte solange auf diesen Tag hingearbeitet
und mich auf diesen Moment gefreut, aber als wir den Gerichtssaal verließen,
änderte sich eigentlich gar nichts.
Die Weichen waren ja schon vorher gestellt worden. Es war lediglich das
Ergebnis. Ich fuhr gleich vom Gericht zur Geschäftsstelle der LVA
um die Kinderziehungszeiten und die Kinderberücksichtigungszeiten
auf mich übertragen zu lassen. Es sollte schließlich alles
Hand und Fuß haben. Das war somit auch geschafft.
Die Kinder gewöhnten sich langsam daran, nicht mehr zu ihrer Mutter
zu dürfen. Ich hatte mich mit ihnen hingesetzt und darüber geredet
und sie haben es akzeptiert. Natürlich haben sie zwischendurch gefragt
"Wann dürfen wir wieder mal nach Mama?". Ich gab ihnen
dann zur Antwort: "Wenn Mama wieder auf dem Damm ist. Wenn es ihr
besser geht."
Komisch, ich habe nicht mit gleichen Waffen zurück geschossen. Wie
war das noch? "Ihr habt euren Papa das letzte Mal gesehen."
Das hatte sie den Kindern gesagt, als ich bei meiner Heimfahrt von der
Therapie Abschied von den Kindern genommen hatte und ich wusste, auch
warum ich den Kindern die Mama schlecht machen wollte. Kinder im Allgemeinen
haben ein Recht auf den Umgang mit ihren Eltern, auch wenn sie geschieden
sind. Auch meine Kinder haben ein Recht auf ihre Mutter. Nur wenn ich
als Verantwortlicher merke, dass der Umgang mit ihr schädlich für
die Kinder ist, muss es nicht nur mein Recht, sondern auch meine Pflicht
sein, sie von schädlichen Einflüssen fernzuhalten. Es geht nicht
mehr um persönliche Gefühle. Es geht darum, was gut für
meine Kinder ist. Und gerade weil ich so gedacht und gehandelt habe, fühlte
ich mich gut. Ich habe die Kinder nicht benutzt und aus Vergeltung oder
Rache sie nicht mehr zu ihrer Mutter gelassen. "Nein, Hass ist keine
Basis."
Mittlerweile hatte ich so ziemlich alles das erreicht, was ich mir als
Ziele während und nach meiner Therapie gesteckt hatte. Was nun?
Ich hatte gelernt, wenn ich ein Ziel erreicht habe, brauche ich ein neues,
wo ich drauf hinarbeiten kann. Ein großes Ziel war das nächste
Ehemaligentreffen. Aber bis dahin geht mein Leben ja weiter.
Bei einem Elternabend meines Sohnes hatte mir der Lehrer mitgeteilt, dass
mein Sohn eine Woche lang in der Sonderschule überprüft werden
soll, um herauszufinden, ob bei ihm eine Lernstörung oder Lernschwäche
vorliegt. Er tat sich immer noch sehr schwer und es war die Frage, ob
er nicht lieber zur Sonderschule gehen sollte.
Da hatte ich mein Ziel.
Ich wollte zusehen und daran arbeiten, dass mein Sohn die verkorksten
letzten Jahre nicht ausbaden müsste. Er ging also eine Woche lang
zur Sonderschule mit noch anderen aus seiner Klasse. Das Ergebnis was,
es liegt keine Lernstörung vor. Bei einem Gespräch mit der Lehrerin
von der Sonderschule stellte sich heraus, dass wir beide einer Meinung
waren. Mein Sohn hatte Probleme sich zu konzentrieren. Mein Sohn hatte
die letzten Jahre noch nicht verarbeitet und er hatte anscheinend immer
noch Angst, dass es wieder so werden könnte wie früher. Sprich:
Papa trinkt wieder, Mama hat kaum Zeit für ihn und er ist nicht soviel
wert wie andere Kinder, die in geordneten Verhältnisses aufwuchsen.
Aber die Lehrerin und ich waren uns auch einig, dass die Zeit es bringen
würde, dass er sich wieder fängt. Also war für mich vieles
wieder so klar. Es war wichtig für meinen Sohn, dass ich weiterhin
trocken bleibe. Dass ich ihm das Gefühl von Sicherheit vermittle
und dass ich im zeige, "Papa ist immer für Dich da." Ich
brauchte wieder mal nur das in die Praxis umsetzen, was ich von meiner
Überzeugung her sowieso als richtig erachtete. Bei einem meiner Letzten
Gruppenabende bei der Selbsthilfegruppe brachte es jemand auf den Punkt.
"Bewusstes Leben!"
Bewusst Freude erleben. Bewusst Ärger empfinden. Bewusst mich selber
fragen, wie geht es mir heute? Und warum geht es mir heute so? Mich selber
hinterfragen.
Ich versuchte, meinen Sohn bewusster wahrzunehmen. Seine Stimmungen und
Launen zu ergründen. Wie ist eigentlich mein Sohn? Um ihm zu helfen,
versuchte ich mich in ihn hineinzuversetzen. Er war und ist eigentlich
genau wie ich in seinem Alter. Etwas schüchtern, sensibel und liebebedürftig.
In der Schule machte er lieber keine Aufgaben, bevor er sie falsch machte.
Er traute sich nicht. Er hatte Angst davor, etwas falsch zu machen.
Was hat mir damals gefehlt? Selbstbestätigung. Das mir jemand sagte,
das hast du gut gemacht. Ich arbeite heute weiterhin daran, ihm dieses
"Selbstwertgefühl" zu vermitteln.
In dieser Zeit verabschiedeten sich auch meine beiden Bekannten, die
auf meine Kinder aufpaßten wenn ich zur Gruppe wollte. Es schlief
einfach ein, dass sie vorbei schauten und ich hatte niemanden mehr, der
auf meine Kinder aufpaßte. Der regelmäßige Besuch der
Selbsthilfegruppe hatte mir während der letzten Monate doch ein Gefühl
der Sicherheit vermittelt. Ich hatte viel gelernt von den anderen. Was
nun? Ein anderes Kindermädchen war und ist bis heute nicht in Sicht.
"Realitätsbezogenes Leben" fiel mir ein. Einfach, was ist
Fakt? Fakt war: Ich hatte drei Kinder zu versorgen und zu betreuen. "Das
ist mein Leben", sagte ich mir. Ich musste versuchen den "Sicherheitsfaktor
Selbsthilfegruppe" durch etwas anderes zu ersetzen.
"An was mache ich meine Trockenheit überhaupt fest", fragte
ich mich. Vielleicht daran, dass ich regelmäßig die Selbsthilfegruppe
besuchte? Das konnte es nicht sein. Dann hätte ich ja meine Trockenheit
von irgendetwas abhängig gemacht. Warum konnte meine Trockenheit
denn nicht einfach unabhängig von äußeren Einflüssen
sein. Müsste sie ja eigentlich auch, um auf Dauer Bestand zu haben.
Was gibt es wichtigeres um meines Lebens willen? Da war ich wieder. Bei
der Therapie war mir klar geworden, es ging um mein Leben. Das sagte der
Kopf. Aber was sagte das Gefühl? Das Gefühl war noch nicht so
ganz von dem überzeugt, was der Kopf vorgab. Aber hatte ich eine
Alternative? Nein!
Ich wollte wohl auch unabhängiger werden. Mit diesen Fakten und Gegebenheiten
leben, das wollte ich. Die Herausforderung annehmen. Offensiv weiterhin
mein Leben gestalten. Bewusst positiv denken und handeln. Im meinem Interesse
und dem meiner Kinder.
Zurück zu meinen Kindern:
Für meinen Sohn hatte sein Lehrer mehrere Übungsblätter
erstellt. Ich habe aus dem Schreibwarenladen zusätzliches Arbeitsmaterial
besorgt. Wir setzten uns hin und übten jeden Tag. Es musste einfach
sein. Mein Sohn begann langsam zu begreifen, dass auch er etwas konnte.
Nur er musste dafür mehr tun, als andere. Er hatte viel aufzuholen.
Auch ich begann meine Grenzen der Belastbarkeit zu erkennen. Drei Kinder
waren doch sehr viel Arbeit. Keine Möglichkeit auszuspannen oder
abzuschalten, aber auch das wollte ich bewältigen. Etwas hat mir
dabei geholfen. Ein Traum. Kurz vor oder während der Therapie hatten
die Träume angefangen. Es war eigentlich fast immer derselbe Traum.
Ich hatte wieder angefangen zu trinken, obwohl ich es eigentlich nicht
wollte.
Irgendwie ergab es sich, dass ich einer fremden Stadt aufwachte. Mir war
über. Ich hatte Kopfschmerzen und ich lag auf einer Parkbank. Neben
der Bank eine halb leere Flasche Korn. Was habe ich getan? Das gibt es
doch nicht. Ich habe wieder getrunken. Nein, das gibt es nicht. Ich will
das nicht. Immer wenn ich soweit war, bin ich schweißgebadet aufgewacht.
Die ersten Male hatte ich mich gefragt, was das zu bedeuten hat. Bei meinem
Traum im Frühjahr bin ich auch schweißgebadet aufgewacht und
durch meine Fenster schien die Sonne. Ein herrlicher Morgen. Gott sein
Dank, wieder nur ein Traum.
In Wirklichkeit habe ich keinen Rückfall gehabt. Ist die Realität
nicht herrlich? Ich bin trocken. Ich deutete es so: Sogar in meinem Unterbewusstsein
wehre ich mich dagegen, zu trinken. Meine Einstellung scheint zu stimmen.
Aber was auch sehr wichtig ist: Früher versuchte ich mit Hilfe von
Alkohol aus der Realität zu flüchten. Versuchte mich in eine
Traumwelt zu trinken, und heute?
Heute ist mir das reale Leben viel sympathischer als diese künstlichen
Träume. Ich bin mit der Realität zufrieden. Oder ich könnte
auch sagen: "Ich lebe einen Traum, meinen Traum." Wie oft hatte
ich mir im Suff gewünscht, mit meinem Leben zufrieden zu sein? Wie
oft hatte ich mir gewünscht, anerkannt und respektiert zu werden?
Von meinen Mitmenschen und meinen Kindern. Wie oft wollte ich auf das
was ich mache, stolz sein?
Wie oft wollte ich anderen sagen können, seht her, hier bin ich und
ich bin zufrieden mit mir, so wie ich bin? Aber viel wichtiger ist, wie
oft wollte ich mir selber sagen können, "Du bist eigentlich
ganz in Ordnung, so wie Du bist." Was gibt es wichtigeres im Leben
als Gesundheit und Zufriedenheit mit sich uns seiner Lebenssituation?
Für mich gibt es nichts schöneres, als sagen zu können,
"Ich bin eigentlich ganz zufrieden."
Mitte Mai wurde das Wetter so gut, dass ich meinen großen Kindern
ins Freibad ging. Meine Kleine ließ ich nachmittags bei meiner Bekannten.
Meiner Ex-Frau ging es inzwischen wieder besser und sie passte zusammen
mit der Bekannten auf unsere Kleine auf. Von ihrem gewaltfreudigen Freund
hatte sie sich getrennt. Ich fragte mich am ersten Tag, ob es auch gut
für die Kleine ist, dass ich sie da lasse.
Aber als sie abends gebracht wurde, war sie quietschvergnügt und
lustig. Für mich ein Zeichen, dass es ihr ganz gut tut und so hatte
es sich dann für einige Wochen eingespielt.
Anfang Juni ist bei uns in der Stadt immer Stadtfest. Die ganze Innenstadt
wird gesperrt. "Die fünfte Jahreszeit." Für die Erwachsenen
ein guter Grund in den zahlreichen Bierzelten und Bierständen sich
zu betrinken und fröhlich zu sein. Während dieser fünf
Tage ist es legitim, betrunken herumzulaufen. Auch sogenannte gut situierte
Bürgen schlagen über die Strenge. Eine gefährliche Zeit
für trockene Alkoholiker. Ich kenne mehrere, die regelmäßig
zu dieser Zeit rückfällig werden. Für die Kinder ist es
natürlich der Höhepunkt des Jahres. Karussells, Autoscooter,
Riesenrad, Geisterbahn, usw..
Meine Kinder brachten meine finanziellen Mittel an den Rand der Belastbarkeit.
Aber wie hatten Spaß. Einen Tag war die Mama auch dabei. Es lief
ganz gut ab. Am Abend wollte meine große Tochter mit Mama noch einmal
alleine hin für eine Stunde. Aus einer Stunde wurden vier und ich
machte mir ernsthafte Sorgen. Nur weg konnte ich nicht. Ich hatte ja noch
die anderen beiden Kinder. Als diese schliefen, wollte ich gerade los,
als es klingelte. Ein Bekannter meiner Ex-Frau brachte meine Tochter nach
Hause. Er lieferte sie nur an der Tür ab und verschwand wieder. Er
hatte eine Bierfahne. Nach meiner Ex brauchte ich nicht zu fragen. Meine
Tochter erzählte mir, Mama sitzt am Autoscooter und trinkt Bier.
Alles kalr, dachte ich, es fängt wieder an bei ihr. Am nächsten
Morgen bekam ich einen Anruf vom Jugendamt. Der Frau vom Amt sei berichtet
worden, dass meine Tochter mit ihrer Mutter zu nächtlicher Stunde
gesehen worden ist und die Mutter offensichtlich angetrunken und in Begleitung
stadtbekannter Trunkenbolde. Ich erzählte ihr, wie das abgelaufen
ist aus meiner Sicht. Zur Antwort bekam ich: "Wenn mir so etwas zu
Ohren kommt, wird es eng für Sie." Paff. Das war ein Schuss
vor den Bug. Die folgenden Wochen war ich dann immer dabei, wenn meine
Ex mit den Kindern etwas unternahm. Ich habe auch mehrere Gespräche
mit ihr geführt. In aller Deutlichkeit. Seit dem geht es einigermaßen.
Sie betrinkt sich nicht mehr, wenn die Kinder dabei sind. Ihr neuer Freund
trinkt überhaupt nicht und er macht auf mich einen anständigen
Eindruck. Für meine großen Kinder ist er aber ein Störenfried.
Eine Konkurrenz. Sie möchten fast gar nicht mehr zu ihrer Mutter,
weil sie nie mit ihr alleine sein können. "Der ist ja immer
dabei," sagen sie. Meine ganz Kleine findet ihn toll. Aber das ist
wohl der Unterschiede zwischen kleinen Kindern und älteren Kindern.
Meine Großen beginnen abzuwägen, zu überlege und nachzudenken.
Meine Kleine dagegen geht nur nach Gefühl. Es scheint ihr gut zu
tun, regelmäßigen Kontakt mit ihrer Mutter zu haben. Einerseits
ist es für mich leichter geworden, andererseits braucht so ein kleines
Kind auch den Kontakt zu Mutter und Vater. Aber die Mutter war uns ist
weiterhin ein Unsicherheitsfaktor in meinem Leben. Aber weiter im Text.
Bevor die Schulferien begannen, waren Abschiedsfeste in Schule und Kindergarten.
Elternabend für meine Tochter, die eingeschult wurde. Mein Sohn bekam
eine Spange und er sollte in den Ferien ins Zeltlager. Es war mal wieder
viel zu erledigen, aber ein Bekannter aus der Therapie dem ich geschrieben
hatte, dass es mir doch ein bisschen viel wird, meinte: "Eins nach
dem anderen."
Ich notierte mir die ganzen Termin und Erledigungen auseinander und notierte
sie mir auf meinen Kalender in der Küche. So konnte ich eines nach
dem anderen angehen und erledigen. Zu den Elternabenden und Abschiedsfesten
kam meine Ex vorbei und passte auf die Kinder auf, aber sie wollte und
will weiterhin abends, wenn ich zur Gruppe wollte, nicht aufpassen, weil
sie keinen Sinn darin sieht. Sie versteht bis heute nicht den Sinn und
den Wert der Selbsthilfegruppe. Auf jeden Fall hatte es einige Anstrengungen
gekostet, die Zeit der Ferien zu bewältigen. Mein Sohn fuhr ins Zeltlager
und rief mich regelmäßig von dort aus an und ich hatte mehr
Zeit für meine beiden Mädchen. Ich habe ganz bewusst mit en
Mädchen viel unternommen. Jeden Tag Spielplatz oder Freibad. Auf
einmal war mehr Zeit da. Ein Kind weniger merkte ich doch. Es ergab sich
dann auch die Möglichkeit mal wieder meine Eltern in Bayern zu besuchen.
Mein Ex-Schwager wollte mit seinem Sohn in Urlaub. Ein geplanter Ostseeurlaub
klappte nicht. Wir verabredeten, wenn mein Sohn vom Zeltlager wieder da
sein würde, nach Bayern zu fahren. Aber das war ein Problem. 5 Sitzplätze
im Auto und 6 Personen, die mit sollten. Ich musste mich entscheiden.
Meine Entscheidung fiel so aus: Ich und meine beiden Großen und
Schwager mit Sohn. Meine Kleine ließ ich schweren Herzens bei meiner
Bekannten mit ihrem Kind. Sie wohnt ja direkt neben meiner Ex, so konnten
beide die Kinder betreuen. Es war für mich doch ein komisches Gefühl,
sie für 5 oder 6 Tage nicht bei mir zu haben. Aber die beiden Großen
wollten mal wieder nach Bayern zu Opa und Oma. Das letzte Mal waren wir
1995 dort zu Besuch und ich sagte mir, sie haben ein Recht darauf. Die
Kleine kennt meine Eltern noch nicht, aber ich habe mir fest vorgenommen:
"Beim nächsten Mal ist sie dabei."
Mit dem Zug wäre es für mich und die Kinder sehr stressig geworden.
Außerdem wollten wir ja auch in der Gegend herum kommen. Auf jeden
Fall habe ich mich so entschieden und es wurde ein schöner Urlaub.
Als wir bei meinen Eltern ankamen, fiel mir als erstes auf, dass sie in
den letzten drei Jahren doch sehr gealtert sind. Mein ältester Bruder,
Das Vorzeigemodel, rief an und wir verabredeten uns für den nächsten
Tag. An einem See wollten wir uns mit unseren Familien treffen. Es war
herrliches Wetter. Vormittags machten wir die "Preußen-Tour".
Kloster Ettal, Schloss Lindenhof und Oberammergau. Um 15.00 Uhr waren
wir dann am See. Mein Bruder mit seiner Frau und den Zwillingen kamen
angetrottet. In dem Menschengemenge wären sie fast an uns vorbeigelaufen.
Ich rief ihm zu, er blieb stehen und er schaute. Mir schien, dass er mich
sah, aber nicht erkannte. Dann kam er auf mich zu, gab mir die Hand und
sagte: "Du hast Dich ganz schön verändert." Ich sagte:
"Ich hoffe zum Guten hin." Er nickte und meinte: "Doch,
zu Deinem Vorteil." Es wurde ein schöner Nachmittag. Das Verhältnis
zwischen mir und meinem "Überbruder" hatte sich verändert.
Er schien es zu akzeptieren, dass mein Leben sich nun in Norddeutschland
abspielte. Die Jahre davor war es immer noch das Verhältnis großer
und kleiner Bruder. Vielleicht war es auch die Tatsache, dass wir beide
Älter geworden sind. Der eine Akzeptiert den anderen eben so wie
er ist. Jeder lebt sein Leben. Er hat uns für den nächsten Abend
noch zum Grillen bei sich eingeladen. Abends saßen wir mit meinen
Eltern zusammen und unterhielten uns über die letzten drei Jahre.
Die einzige, die sich ernsthaft dafür interessierte, dass ich trocken
bin, war meine Mutter. Mein Vater und mein älterer Bruder nahmen
es wohl nicht so wichtig. "So, Du trinkst nicht mehr, dann mach man
so weiter", sagte meine Vater ehe beiläufig. Meine Mutter fragte
schon nach, wie es mir mit meiner Abstinenz gehe. Dass auch die Kinder
daran hängen und auch mein Leben.
Mein ältester Bruder kam abends immer nur kurz vorbei, sagte Hallo
und verschwand wieder mit einer Bierfahne.
Meine Mutter erzählte mir, dass er jeden Tag trinkt und dabei ist,
sich kaputt zu machen. Seine zerrüttete Ehe ist wohl sein Hauptgrund
zu trinken. Er scheint aber auch nichts daran ändern zu wollen und
er lässt sich auch nichts sagen. Wie ich früher. Er befindet
sich auf dem besten Wege dorthin, wo ich schon war, nämlich ganz
unten. Aber er muss seine Erfahrungen wohl selber erleben, wie ich!
Die fünf Tage vergingen sehr schnell. Abends rief ich immer bei meiner
Ex an und erkundigte mich nach meiner Kleinen. Es lief ganz gut. Als Erkenntnis
nahm ich aus Bayern mit, dass wir alle Älter geworden sind und unser
Verhältnis zueinander sich verändert hat. Ich werde mehr akzeptiert
und bin nicht mehr der kleine Bruder oder das jüngste Kind. Vielleicht
oder wahrscheinlich weil ich endlich Verantwortung für mein Leben
und das meiner Kinder übernehme. Ich glaube auch ein Stück erwachsener
geworden zu sein. Er hat mal wieder gut getan, meine alte Heimar zu besuchen.
Aber leben möchte ich dort nicht mehr. Ich bin jetzt hier zu Hause.
Wieder zu Hause angekommen, rief ich bei meiner Mutter an, dass wir gut
angekommen sind. Dann meldete ich mich bei meiner Ex. Die Kleine schlief
schon. Sie wollte sie uns mach nächsten Morgen bringen. Als unsere
Kleine am nächsten Vormittag wieder bei uns war, freute sie sich
wie ein Schneekönig. Da merkte ich richtig, wie sehr sie mir gefehlt
hatte. Anders herum was es anscheinend genauso. Die letzten Ferientage
durfte ich schon wieder organisieren. Sie Arbeitsmaterialien für
meine Tochter zum Schulanfang hatte ich schon längst besorgt. Genauso
Tornister und Schultüte.
Die Einschulung verlief ganz gut. Der Lehrer von meinem Sohn nahm mich
auf die Seite und meinte, dass mein Sohn auf dem richtigen Weg wäre
und solle so weitermachen. Er findet es bewundernswert, wie ich mich um
meinen Sohn bemühe. Hört sich gut an. Wieder eine Bestätigung
für mich. Seit meine Tochter zur Schule geh, ist es für mich
morgens auch weniger stressig. Vor den Sommerferien musste ich sie ja
immer zum Kindergarten bringen und mittags wieder abholen. Nun geht sie
mit ihrem Bruder zur Schule und kommt mit ihm auch nach Hause. Mit meiner
Kleinen gehe ich trotzdem jeden Tag in die Stadt um einzukaufen und um
bei Bekannten Kaffee zu trinken. Auf dem Nachhauseweg gehen wir noch an
einem Spielplatz vorbei, wenn es das Wetter erlaubt. Am 19. September
war dann wieder Ehemaligentreffen. Tage zuvor riefen schon einige an,
um zu wissen, ob ich auch komme. Wir fuhren zu dritt dort hin. Der eine
war letztes Jahr krank und konnte deswegen nicht mit. Auf dem Weg dorthin
tauschten wir Erfahren aus. Als wir aus dem Zug ausstiegen, sahen wir
schon einige bekannte Gesichter auf dem Bahnhof. Für mich war es
diesmal nicht mehr das vertraute Gefühl, wie letztes Jahr, als ich
am Bahnhof ausstieg. Irgendwie war es fremder geworden. Das Dorf und auch
der Weg zur Klinik. Es war ein Jahr vergangen, als ich das letzte Mal
dort war. Sehr oft hatte ich an die Zeit in der Klinik gedacht, in dem
vergangenen Jahr. Ich bin um ein Jahr Abstinenzerfahrung reicher, dacht
ich so für mich.
Nach Begrüßung und Mittagessen begannen um 13.30 Uhr wieder
die Gruppengespräche. Jeder teilt seine Erfahrungen mit seiner Abstinenz
mit. Einige Angehörige waren auch dabei. Als alle durch waren, bedankte
sich unser Therapeut für die Offenheit und das war es fast. Jeder
versuchte noch ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Auch ich. Es war ein
kurzes Gespräch, andere wollten auch noch. Er drückte mir eine
Plastiktüte mit Ausschnitten aus Zeitschriften in die Hand. Es waren
Adressen von Verlage, an die ich schreiben könne, um meine Geschichte
zu veröffentlichen. Das hatte ich ganz aus den Augen verloren. Die
Betreuung meiner Kinder stand im Vordergrund. Den Rest des Tages verbrachte
ich damit, mit Bekannten und Therapeuten zu sprechen. Als ich abends um
22.30 Uhr wieder in meiner Wohnung war, kam ich zur Ruhe und ich merkte,
dass ich mir mehr von diesem Ehemaligentreffen versprochen hatte. Meine
Kinder kamen am nächsten Tage wieder zu mir. Sie waren bei ihrer
Mutter für den einen Tag. Die nächsten Tage wurde mir klar,
dass das Ehemaligentreffen etwas gebracht hat. Nämlich die Erkenntnis,
dass ich für meine Abstinenz wieder mehr tun will. Ich möchte
das Gefühl haben, dass ich etwas dafür tue, dass ich trocken
bin. Wenn ich anfange, es als selbstverständlich zu sehen, dass ich
nicht mehr trinke, kann dies für mich er erste Schritt zurück
sein. Als ich von der Therapie kam habe ich angestrebt, dass meine Abstinenz
zur Normalität wird. Heute glaube ich, es darf für mich nicht
normal werden, trocken zu sein. Vielleicht ist es für andere ein
guter Weg, für mich aber nicht. Mein Weg besteht wohl darin, wach
zu bleiben, bewusst zu leben und die Abstinenz nicht nur als Ergebnis
anzusehen, sondern auch als Grundlage und Basis für mein weiteres
Leben. Ohne Abstinenz wären die Veränderungen der letzten eineinhalb
Jahre gar nicht möglich gewesen und meine Kinder wohl im Heim oder
bei Pflegeeltern.
Wenn ich die Zeit nach meiner Therapie im Ganzen betrachte, kann ich eine
sehr positive Bilanz ziehen für mich und meine Kinder. Die Grundziele,
die ich mir gesteckt hatte, habe ich erreicht. Ich bin weiterhin trocken,
meine Kinder und ich sind gesunde und wir leben in relativ geordneten
Verhältnissen. Ich betone relativ, weil eine Optimal Lösung
ist es nicht. Das Optimale für die Kinder wäre eine intakte
Ehe, aber die Realität sieht eben anders aus. Es scheint aber den
Umständen entsprechend eine vertretbare Lösung zu sein. Die
Euphorie für das Trockensein in den ersten Wochen und Monaten hat
sich doch etwas gelegt. Sachlichkeit ist in den Vordergrund gerückt.
Ich bin trocken, aber warum? Ich bin zufrieden mit mir und meiner Lebenssituation,
aber warum? Mir fällt es relativ leicht, trocken zu sein, aber warum?
Diese Fragen stelle ich mir oft und ich komme immer zu den gleichen Antworten.
Ich bin trocken, weil es für keine Alternative zum Trockensein gibt.
Ich bin zufrieden mit mir und meiner Lebenssituation, weil ich etwas sinnvolles
leiste für mich und meine Kinder. Für mich sind meine Kinder
zum Lebensinhalt geworden. Ich kann jeden Tag an meinen Kindern etwas
gut machen. Ist das nicht toll. Mir fällt es relativ leicht, trocken
zu sein, weil ich glaube, den Sinn für mein Leben gefunden zu haben.
Mein Sinn besteht darin, meine Kinder anständig groß zu kriegen.
Und es ist für mich wie ein Geschenk des Himmel, dass ich das tun
darf. Ich danke unserem Herrgott, dass ich diese Kinder habe und für
sie sorgen kann. Das ist für mich viel wertvoller als alles Geld
der Welt. Ich glaub ich bei ein Stück vom großen Glück
des Lebens in den Händen und ich will es nicht mehr hergeben. Grundlage
dafür ist aber, weiterhin abstinent und Bewusst zu leben.
Anton Erhard
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